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Lesungen in Pflegeheimen

Pi / Waltraud Meckel schreibt speziell für diese Lesungen barrierefreie, leicht verständliche Texte.

Der schwarze Vogel  Autorin Pi / Waltraud Meckel, Nachdruck verboten

Kapitel 1, Das Haus in der Ludwigstraße Nummer 5

         Die Ludwigstraße in Offenbach liegt in der Altstadt. Im Jahr 1956 lagen, wie überall in der Stadt, noch viele Häuser in Trümmer.  Das Einerlei der Tage kam ins Schwanken, als es eine Veränderung in der Ludwigstraße Nummer 5 gab. Das war, als Mutter Elisabetha ihren Wohnsitz ins Jenseits verlegte. Sie war die Mutter des Herrn Y, dem Kioskbesitzer, der im gleichen Haus wohnte und nun den Kiosk komplett betreiben musste.

        Zuvor konnten beide Familien gut von den Einnahmen leben. Es waren immer Kunden in dem Laden.  Am Wochenende kamen die Stammkunden mit ihrem ausgefüllten Lottoschein und hofften von Woche zu Woche auf das große Los. Sie kamen aber selten über 3 richtig getippte Zahlen hinaus. Die meisten Kunden tippten immer und immer wieder die gleichen Zahlen aus Angst, ihre Zahlen würden gerade an dem Tag kommen, an dem sie es einmal mit neuen Zahlen versucht hätten.

         War Monatsanfang, dann kamen die ersten eiligen Kunden, kauften frühmorgens die Monatskarte, griffen nach einer Zeitung, und Herr Y legte automatisch die Marlboro Zigaretten, die der Kunde schon immer raucht, automatisch dazu und rechnete ab. Der nächste Kunde bitte.

War die erste Stoßzeit vorüber, kamen die Kunden, die viel Zeit hatten, auch für ein Schwätzchen. Herr Y musste sich oft dieselben Geschichten anhören. Habt ihr schon davon gehört, dass die Müllers Zwillinge haben? Ja… und die Ilse aus dem neuen Hochhaus, die soll mit einem Amerikaner verlobt sein. Die wird sicher nach Amerika auswandern. Aber mit Sicherheit wird niemand sie hier vermissen, denn geschafft hat die doch nix.

         Bis zum Mittag war Herr Y total erschöpft. Er hatte bis jetzt schon so viel Neues erfahren, dass er eine komplette Zeitung hätte schreiben können.

         Wie schon gesagt, das alles geschah so in etwa um das Jahr 1956. Viele Kunden sprachen von früher. Wenn man ihnen glauben durfte, war früher alles besser und alles schöner. Sie erzählten von den Seidenstrümpfen, und dass sie mühsam die Laufmaschen hochgehäkelt hätten. Andere erzählten von einem Pullover, den sie gerade stricken würden. Manche schwärmten vom Lochmuster, andere vom Zopfmuster. In einer     Sache aber waren sich alle Frauen einig, nämlich, dass Mohair-Wolle schrecklich kratzen würde.

         Eine Geschichte, die sich Herr Y immer wieder anhören musste, war die Geschichte vom blinden Bruno und einem taubstummen Kunden. Der blinde Bruno stand früher oft hinter der Theke. Er war der Vater von Herrn Y, wurde im Zweiten Weltkrieg verwundet und kam als Blinder in die Heimat zurück. Trotz seiner Erblindung stand er oft im Kiosk hinter der Theke.    Es gab viele Gründe, warum er seine Erblindung für sich behielt. Die Probleme hielten sich in Grenzen. Der blinde Bruno wusste ganz genau, wo alles stand und lag. Er fühlte, welchen Geldschein er in der Hand hielt, kannte den Wert jeder Münze; da konnte ihm niemand etwas vormachen. Doch eines Tages kam ein Taubstummer in den Kiosk und gab dem Blinden hinter der Theke in der Gebärdensprache zu verstehen, er wolle eine Schachtel Zigaretten. Das konnte natürlich nicht funktionieren.

          Der Blinde bat den Kunden um etwas Geduld, holte seine Frau aus der Küche und die missliche Lage konnte geklärt werden. Beide waren sie Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, tauschten ihre Erlebnisse aus und wurden Freunde.

 

Die Zeit verging…

 

         Herr Y wurde ein zweites Mal Vater, es war wieder ein Junge. Die kleine Wohnung hinter dem Kiosk wurde ihnen zu eng und sie zogen in ein kleines Haus mit Garten, besonders der Kinder wegen.

         Viel zu schnell vergingen weitere Jahre. Wir kennen das Problem, - dass war schon immer so. Die beiden Jungens gingen inzwischen zur Schule, das Ehepaar Herr und Frau Y hatten sich auseinandergelebt, - eine ganz normale Sache.

         Eines Tages kam Moritz, der ältere, nach Hause und hatte einen kleinen schwarzen Vogel in seinem Schulranzen. Der arme Vogel war aus dem Nest gefallen und wäre mit Sicherheit unter ein Auto gekommen, hätte ihn Moritz nicht gefunden.

          Keine fünf Minuten später hockte das verängstigte Vögelchen zitternd in einem Schuhkarton.  Lockte man es mit Futter, reckte es das Köpfchen, sperrte das Schnäbelchen weit auf und schluckte alles hastig hinunter. Die Kinder bewunderten den schönen gelben Rand, der rundherum um den Schnabel zu sehen war. Herr Y klärte seine Söhne auf, dass das bei allen Jungvögeln so sei. Denn dann wüssten Papa- und Mama-Vogel, wo sie das Futter reinlegen müssten.  Der kleine Nimmersatt wuchs und wuchs, er wurde groß und größer und eines Tages war er ein richtiger schwarzer Rabenvogel. Er war aber durch die Aufzucht in der Wohnung kein richtiges wildes Tier geworden. Stattdessen hatte er sich heimlich viele Wörter gemerkt und konnte auch schon etwas reden.

         Frau Y war nicht begeistert von dem neuen Mitbewohner.  Denn überall, wo es ihm passte, legte er ihr ein dunkles Häufchen hin. Ihr Ärger war verständlich. Deshalb öffnete man dem unsauberen Rabenvogel die Terassentür. Die Ausflüge genoss dieser, kehrte aber immer wieder zu seiner Pflegefamilie zurück. Er flog heimlich Frau Y hinterher, weil sie ihn zu oft ausgeschimpft  hatte und entdeckte dabei ihr Geheimnis.

         Kommen wir also wieder zu Herrn und Frau Y zurück. Frau Y hatte einen heimlichen Liebhaber, was der schwarze schlaue Vogel sehr schnell mitbekommen hatte.

Wie wir wissen, liebte der beleidigte Rabe das Frauchen nicht. Das Schlitzohr von schwarzem Vogel berichtete es Herrn Y, der es zunächst gar nicht glauben wollte. Doch der Vogel blieb hartnäckig. Er erzählte ihm immer und immer wieder, wo sich die beiden trafen. Eines Tages ging Herr Y der Sache nach. 

 

Offenbach den 17.06.2024

 

Fortsetzung folgt.

Kapitel 2, Der Rabe heiratet und baut sein Nest im Garten.

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